Unterwegs auf New Yorks High Line

Wildes Paradies

High Line VorderansichtDort, wo die Washington Street die Gansevoort Street kreuzt, wo das West Village ohne einen Hinweis zu geben in den Meatpacking District übergeht – da blickt man auf einmal auf diese gewaltige Eisenkonstruktion: Die Bahntrasse, auf der von 1934 bis 1980 eine Hochbahn fuhr, die die Warenhäuser und Lager des West Village belieferte. Seit Jahren verweilten die alten Schienen wie ein Relikt aus der vergangenen Zeit – unbenutzt, verwildert und nutzlos. Aber zu schade, um sie abzureißen. Dank der Idee der New Yorker Architekten Diller Scofidio und den Landschaftsplanern von James Corner Field Operations, die damaligen Gleise in eine Parkpromenade umzuwandeln, ist die „High Line“ (so heißt die Bahntrasse heute), seit über einem Jahr für Spaziergänger geöffnet. Und zum Besuchermagneten avanciert – New Yorker, Touristen, Naturbegeisterte und Landschaftsliebhaber kommen nicht an ihr vorbei.

Es stimmt nicht ganz, dass man ein Annähern an die High Line nicht bemerkt. Schon auf der Washington Street merkt man mit jedem Schritt hin zur Gansevoort Street einen Wandel. Ist es am Anfang der Straße noch ganz beschaulich, wo in den Nebenstraßen die teuren Wohngebäude von Richard Meier und Asymptote in der Perry und Charles Street zu bewundern sind, oder Julian Schnabels Palazzo Chupi – so wird es mit jedem Fortkommen ein wenig wuseliger und vor allem lauter. Plötzlich befindet man sich vor einem alten Fabrikgebäude mit einer Bar im Erdgeschoss. Die Glasschiebefenster sind vollkommen geöffnet zur Straße, aber der Innenraum ist abgeschirmt durch mehrere große, bunte Sonnenschirme vor den neugierigen Blicken der Passanten. Die Musik dröhnt auf die Straße, es ist gerade mal Mittag. Die Leute werden stylisher, hipper – wer sich gut in der Modewelt auskennt, erkennt den ein oder anderen Designerfummel – aber in Understatement und Coolness verpackt. Kein Zweifel, hier ist der Meatpacking District. Früher wurden hier Tiere geschlachtet, heute ist es das Szeneviertel New Yorks.

Aufgang High LineDann ist man am Aufgang der High Line. Geht man die Treppen hinauf, fällt der Blick auf das Standard Hotel, unter dem die High Line hindurchführt. Wie eine Schlange kriecht die alte Bahntrasse vorbei an den Häuserschluchten New Yorks, die Ränder mit wilden Pflanzen überwuchert, und immer wieder fällt der Blick aufs glänzende Wasser des Hudson River. Aus dem Betonboden schauen die Bahngleise hervor, sie kreuzen sich, verengen sich und weiten sich wieder auf. Die Betonplatten formieren sich an einigen Stellen zu Sitzbänken, wachsen geradewegs aus dem Boden heraus und werden zu einem Verweilort, um das Treiben der Menschen zu beobachten. Oder um auf die Glaskuppel des Diane von Fürstenberg-Einkaufstempels und das Empire State Buildung zu schauen.High Line und DvF

High Line SundeckWeiter geht es zu den hölzernen Liegebänken, auf denen die New Yorker die Sonne genießen, aus Pappschachteln ihre mitgebrachten Speisen essen oder ein Buch lesen. Kurz darauf läuft man unter einer zweiten Unterführung hindurch. Hier befindet sich eine kleine Bar, aus den Lautsprechern ertönt Musik, die immer wieder unterbrochen wird von einem Tuten und Pfeifen eines herannahenden Zuges. So wird wirklich jeder an die alte Nutzung erinnert.

High Line PanoramascheibeHigh Line EinschnittAn der nächsten Ecke gabelt sich die High Line. Ein kleiner Teil wird zu einem Einschnitt – ein paar Stufen führen hinab und enden an einer Panoramascheibe. Ein überwältigendes Bild der Metropole – die Autos auf der darunterliegenden Straße, riesige Werbeplakate und die Gebäudeskyline im Hintergrund.

High Line Gehry und NouvelDer andere Teil führt den Weg weiter, vorbei an dem expressiv geformten „IAC Building“ von Frank Gehry und dem gerade fertiggestelltem „100 11th“ von Jean Nouvel, in dem die Bewohner einen einzigartigen Blick auf den Hudson River genießen können durch die mosaikartige Fassade.

High Line Della Valle Bernheimer und Audrey MatlockAuf der anderen Seite liegen zwei weitere luxuriöse Wohnbauten, in denen die Bewohner wahrscheinlich um die 5400 Dollar pro Quadratmeter gezahlt haben (so hoch lag der Preis zumindest noch vor der Wirtschaftskrise). Zum einen fällt „Chelsea Modern“ auf durch seine blauen Fassadengläser, in fünf Bänder unterteilt mit verschiedenen Vor- und Rücksprüngen, entworfen von der Architektin Audrey Matlock. Zum anderen liegt das etwas neutraler wirkende, weiß-schwarze „459 West 18th“ direkt neben dem bunten Gebäude. Die Architekten von Della Valle Bernheimer betonten hier die Vertikale, die schrägen Rücksprünge ergaben sich aus den Abstandsbestimmungen. High Line und Empire State BuildingUnd ganz am Ende dieses ersten Bauabschnitts sieht man das „HL 23“ von Neil M. Denari. Der auskragende Wohnbau ist noch nicht fertiggestellt, genauso wie der Park an diesem Punkt selbst noch auf seine Vollendung wartet. Zwischen zwei und elf Millionen Dollar haben die Besitzer angeblich für eine Wohnung im Glasgebäude mit der sichtbaren Rahmenkonstruktion auf den Tisch legen müssen. Einziges Manko: Wenn sie auf die High Line wollen, dann müssen sie erstmal hinunter auf die Straße und zu einem der vier Aufgänge laufen – denn ein direkter Zugang vom Wohngebäude auf den Park wurde vergessen.

High Line DenariNun warten alle gespannt auf die Fertigstellung des zweiten Abschnitts. Ein dritter Abschnitt ist in Planung. Und auch wenn das Konzept der Umformung von stillgelegten Bahngleisen nicht neu ist – sondern abgeschaut von der „Promenade Plantée“ in Paris – die High Line ist mein persönlicher Favorit in New York. Und ja, der Reiseführer hat Recht: Wer die High Line nicht besucht, der hat definitiv eines der besten Erlebnisse der Großstadt verpasst. „Keep it wild – keep on path“ lautet ihr Motto – also weiter geht`s.

[Bilder: Angélique Vossnacke]

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Ein Gedanke zu „Unterwegs auf New Yorks High Line

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