Fifth Avenue

Spaziergänge durch das letzte Jahrhundert

Fifth AvenueEin kleiner Auszug aus dem Buch „Fifth Avenue“ von Stephan Wackwitz, in dem die berühmte New Yorker Fifth Avenue als Shopping Boulevard, Flaniermeile und kulturelle Lebensader der Stadt geschildert wird. Vorbei an Harlem, Greenwich Village bis hinunter zum East Village. Dabei beschreibt der Autor sein persönliches Bild des belebten Weltboulevards mit Erinnerungen, Träumen, Sehnsüchten und Visionen.

Aus der noch sommerlich um uns glühenden und heulenden Straße treten wir zwischen frisch bepflanzten Beeten durch ein überraschend bescheidenes, fast landhausartiges Portal. Über uns türmt sich die hellgraue Kalksteinwand der Fassade. Schwere Türflügel aus Glas, feingeschmiedetes schwarzlackiertes Gitterwerk, öffnen sich unter dem Griff eines livrierten Portiers. Wir sind eingetreten in einem sausend gekühlten Salon voller Spiegel, Perserteppiche, barocker Kommoden, goldgerahmte Stiche, chintzbezogener Sessel und Sofas, Kristalllüster, großer, stark duftender Blumensträuße in chinesischen Vasen. Hier geht es nicht in den Hades, wie an jener Kreuzung dreißig Blocks weiter stadtaufwärts, sondern in ein Elysium, das die ganze Parkfront der Fifth Avenue entlang, nirgends mehr als zehn Schritte vom Bürgersteig entfernt, auf die ihm Vorbestimmten wartet […] Dabei sind wir erst im Vorraum des Hauses. Der Portier fragt uns (nicht übermäßig höflich), wie wir heißen und in welchem Stock wir erwartet werden, lässt sich unsere Angaben über das Haustelefon bestätigen (wobei er in einen ungleich respektvolleren Ton wechselt). Er scheint ein wenig beruhigt über die Identität und die vorläufige Hauszugehörigkeit der Eindringlinge, öffnet die Tür des kleinodien-kabinetthaft messing- und mahagoniblitzenden Aufzugs, drückt den richtigen Knopf und schließt das altmodisch schwarzlackierte und geölte Scherengitter hinter uns.

Der Vorraum, in dem sich dieses Gitter nach einer Minute wieder öffnet, gehört schon zur Wohnung selbst und wird von anderen Hausbewohnern nie betreten. Es hat uns ins Penthouse verschlagen, eine heute (nicht aber zur Entstehungszeit des Hauses) besonders geschätzte, sozusagen bohemehaft angeschrägte Variante der ursprünglich vornehmeren Grundrisse der Beletagen unter uns. Das Penthouse hat erst spät, sozusagen kürzlich, seinen heutigen Platz in der allgemeinen Vorstellungswelt als besonders luxuriöser Teil eines Gebäudes gefunden, und das Fifth-Avenue-Apartmenthaus ist bei dieser architektursoziologischen Neuinterpretation vorangegangen – im Zuge der uns schon bekannten New Yorker Verwechslungen, Saltos und Purzelbäume zwischen kulturell oben und kulturell unten. Durch komplizierte, komische, und tiefsinnige Spielzüge gelangen nach den hier geltenden Regeln Comics in die vornehmsten Galerien. Schwer heizbare Fabriketagen werden zum bevorzugten Aufenthaltsort von Millionären. Und wo früher die Dienstboten hausten, ohne ästhetischen Anteil an der Fassade und damit dem eigentlichen Gesicht des Hauses, wo die Fenster kleiner, die Grundrisse weniger raffiniert sind und die Decken niedriger – gerade hier oben hat sich unser Gastgeber (er tritt uns jetzt freundlich entgegen) eingerichtet mit seinen kostbaren 60er-Jahre-Designermöbeln, zwischen unverputzten Backsteinwänden, hinter liebevoll konservierten Metalltüren aus dem letzten Jahrhundert. Der Fußboden ist aus schweren, gefurchten Industriebohlen. Fabrikartig raue Fenstersimse, offene Geländer, ungegliederte Grundrisse verraten den einstigen Dachboden.

In die Fenster der rückwärts nach Südosten gelegenen Küche scheint eine fast schon herbstliche Sonne, ringsum gefiltert, reflektiert und eingefärbt von den Brandmauern, Kaminen, Blechen und Backsteinwänden einer weit in den Himmel, ins Licht, in den Wind hinaufgebauten Hinterhoflandschaft. Innen glänzen die Flächen der kostbaren Einbauten aus gebürstetem Stahl, dunkelbraunem Holz, milchfarben geäderten Marmor. Es ist kaum halb eins, aber der Hausherr öffnet eine Flasche Pouilly Fumé, deren Etikett wir in den uns zugänglichen Weinläden noch nie gesehen haben. Von der wir jedoch instinktiv wissen, dass wir allenfalls zu Weihnachten oder einem runden Hochzeitstag uns derlei leisten würden und wollten. Betäubt staunend, die Nase schon in unseren großen Gläsern, treten wir durch überall in spätsommerliche Herbstahnungen hinein offenstehende Terrassentüren auf den balkonartigen Vorsprung hinaus, den eine steinerne Brüstung abschließt. Er führt um das schmucklos einstöckige (von der Straße aus nicht sichtbare) Dachhaus ganz herum. Im Wind, eingehüllt von den plötzlich sehr starken Gerüchen der Pflanzen und Wasserflächen unter uns, den jetzt wieder unendlichen Himmel im Blick, wird uns klar, dass wir ebenerdige Spaziergänger nur die halbe Wahrheit über den Park unter uns kennen. Erst Höhergestellte begreifen ganz den Sinn des unerhörten Areals, das rechteckig wie ein Gemälde und kein Ende nehmend wie ein Märchenwald jetzt unter uns liegt, scharfkantig herausgeschnitten aus dem teuersten Baugrund der Welt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist es unversehrt. Und widerlegt so nebenher das populärmarxistische Zentraltheorem der in New York angeblich unumschränkt herrschenden Profitorientierung. Denn die unvorstellbar teure Immobilie dieses Landschaftsgartens gehört wirklich uns allen und beileibe nicht nur den Reichen. Sie können sich keine Anteile an ihr kaufen. Nur einen privilegierten Blick auf sie.

Fifth Avenue
Spaziergänge durch das letzte Jahrhundert
Stephan Wackwitz
Gebunden. 266 Seiten. 18,95 Euro
ISBN 978-3-10-091059-2
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010
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