Der Umbau des Bolschoi Theaters in Moskau

Die Gerüchteküche brodelt

Umbau Bolschoi Theater 2008Seit mittlerweile sechs Jahren verwehrt ein hässlicher Bauvorhang mit überdimensionaler Samsung-Werbung die neoklassizistische Fassade des weltbekannten Bolschoi-Theaters. Eigentlich sollte das Gebäude schon 2007 wieder eröffnet werden. Dann hätte auch ich bei meinem Moskau Besuch vor drei Jahren schon die prunkvollen Innenräume des Haupttheaters bewundern dürfen, anstatt die Vorführungen im Nebengebäude, dem „New Stage“, ansehen zu müssen. Das war zwar auch beeindruckend, aber es war eben nur die kleine Schwester, während das Original verhüllt blieb.

Bolschoi Theater FassadeUnd bis heute hat sich an dem Zustand nichts geändert. Das Bauwerk, in dem die ersten Ballettaufführungen in 1780 gezeigt wurden, brannte sowohl 1852, als auch 1853, bei beiden Bränden sind die Inneneinrichtungen des Theaters zerstört worden. Jedes Mal wurde die Heimat des renommierten Bolschoi-Ballett-Ensembles originalgetreu wieder hergerichtet. Allein wegen des Balletts, das für Strenge und höchste Synchronität der Tanzbewegungen bekannt ist, strömen die Kulturliebhaber nach Moskau. Moderne Aufführungen, wie sie am New Yorker City Ballet zu sehen sind, werden am Moskauer Bolschoi nicht gezeigt. Weltruhm erlang das russische Ballett durch seine klassischen Werke, wie „Schwanensee“ oder „Romeo und Julia“ . Auch heute setzt das Theater auf Tradition. Dennoch muss das Gebäude erneuert werden, damit es mit den anderen Theaterhäusern der Welt mithalten kann. Technik, Akustik und die Qualität des Bodens stimmten nicht mehr mit heutigen Anforderungen überein. Dazu kam, dass das Bauwerk auf Sand errichtet wurde, zudem einem kleinen unterirdischen Flüsschen standhalten musste und auch die Metro hatte im Laufe der Jahre die Stabilität des Theaters verringert. 30 cm sank das Fundament des Gebäudes, bis man sich dazu entschloss, das Bolschoi zu renovieren. 2300 Stahlstützen sollen zukünftig das Theater fest mit dem Grund verankern, im Innenraum laufen die Aufhübschungsarbeiten.Die Wandstoffe aus dem 19. Jahrhundert werden detailgetreu wiederhergestellt, hochwertiges Blattgold erinnert an den Glanz der Zarenzeit. Natürlich sind weder Kosten noch Mühen gescheut worden. Nur kommt der Bau nicht voran.  Bolschoi Theater Treppe

Kräftig brodeln tut dafür die Gerüchteküche um die Darsteller des Ensembles. Eine Ballett-Tänzerin soll angeblich gefeuert worden sein, weil sie mit sagenhaften 50 Kilogramm zu „fett“ war. Es wird behauptet, dass einer der bekanntesten Tänzer und Leiter der Ballettgruppe auf Pornofotos im Internet entdeckt wurde. Bolschoi BallettNatürlich wurde auch er gefeuert. Und der alte Bürgermeister Luschkow stieg angeblich sogar in die Tiefen des Theaters hinab um das Flüsschen zu sehen und fand dabei riesige Kakerlaken. Anscheinend wurde sogar der (zwischenzeitliche) Architekt des Theaterumbaus entlassen – er war auch für ein Schwimmbad verantwortlich, dessen Dach aufgrund Pfusch am Bau zusammenbrach. Es geht also mysteriös zu am Bolschoi. Fakt ist lediglich, dass die Kosten der Bauarbeiten die geplante Summe um ein Vielfaches übersteigen. Fast eine Milliarde Euro wird der gesamte Umbau kosten, von wegen 185 Millionen. Für dieselbe Teil-Bauleistung wurde dreimal Honorar gezahlt, immerhin umgerechnete 24 Millionen Euro. Wo ist das Geld hin? Irgendetwas läuft da ganz gewaltig schief. Letztendlich kostet die Renovierung doppelt so viel wie die Hamburger Elbphilharmonie. Nur keine Panik. Die Moskauer sehen das nicht so kritisch – es kostet nämlich nur „halb so viel wie ein Flugzeugträger“. Mal schauen, ob das Bolschoi wenigstens in diesem Jahr tatsächlich wieder seine Pforten öffnet – für großes Theater.

[via: spiegel.de]

[Bilder, von oben nach unten: Angélique Vossnacke; Flickr/Sitomon; Flickr; Flickr/Alexandre Machado]

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Ein Gedanke zu „Der Umbau des Bolschoi Theaters in Moskau

  1. Es ist doch wieder offen nach langer Umbauzeit und einigen Gerüchten, das Moskauer Bolschoi Theater. Am 28. Oktober wurde die weltbekannte Bühne feierlich eröffnet mit einem Gala Konzert internationaler Stars wie Placido Domingo und Angela Gheorghiu. Auf 72.000 qm wurde das Haus erweitert – von ursprünglich 30.000 qm. Der Orchestergraben ist nun einer der grössten der Welt und bietet 130 Musikern Platz. Eine zweite Bühne, der Beethoven-Saal, befindet sich unter der Erde. Dieser kann vom Proberaum schnell zur Konzerthalle transformiert werden, dank Sitzmöbeln, die in Kapseln heranschwingen. Moderne Betonpfeiler stützen den renovierten klassizistischen Bau. Die Decken und Verkleidungen der Logen und Ränge wurden zur Verbesserung der Akustik aus dünnem Massivholz gefertigt. Im Zaren-Foyer strahlen die roten Gobelins wieder und erinnern an alte Zeiten – 4,5 Kilo Blattgold veredeln den Großen Saal. Eine halbe Milliarde Euro hat der Umbau letztendlich gekostet. Am 2. November findet das erste Konzert „Ruslan und Ljudmila“ statt, am 18. November folgt das erste Ballett „Dornröschen“. Karten gibt es aber längst nicht mehr. Nur der Schwarzmarkt bietet noch Tickets an. Für die Eröffnungsgala nahmen die Händler jedoch bis zu 23.000 Euro pro Stück. Fragt sich, ob den Russen Zobel-Mäntel oder ein zweistündiges Konzert wichtiger sind.

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